Ego versus Präsenz 

Du begegnest dir selbst im gegenwärtigen Moment im Spiegel deines Lebens.  In den Situationen, die du erlebst, den Begegnungen, die du hast, den Erfahrungen, die du machst. Jedoch nicht in deiner wahren Präsenz, sondern deiner Ich-Struktur, an die du glaubst. Die Gedanken, die Interpretationen, die Überzeugungen, die auf deiner inneren Landkarte gespeichert sind, Bezüge aus deiner Kindheit, den Erfahrungen deines Lebens und was du über dich, über andere, über dein Leben, über die Welt oder auch etwas Höheres denkst.

Vielleicht denkst du, dass du ein Opfer bist. Vielleicht bist du frustriert, immer wieder trotz deiner Bemühungen in ähnliche Situationen zu kommen. Vielleicht machst du Erfahrungen von Verlust, in diesem Moment von Zurückweisung. Vielleicht fühlst du dich nicht verstanden. Eventuell verstehst du dich selbst nicht – warum widerfahren dir immer wieder solche Momente im Leben. Du bist traurig, wütend, hoffnungslos, frustriert und zweifelst an dir und an einem Sinn. An dem: wofür oder auch: warum bin ich hier?

In all diesen Momenten hast du nichts falsch gemacht. Es ist vielmehr, dass wir die Bedeutung all jener Momente gegen uns gerichtet interpretieren.

Lass mich dich heute - in diesem Moment zu einer anderen Sicht auf dein Erleben einladen. Was ist, wenn in all jenen Momenten, in denen du dich verloren, erinnert, verletzt, erfolglos, ungeliebt oder verraten fühlst, eigentlich in einer Kommunikation mit Gott, etwas Höherem oder allumfassenden Bewusstsein (wie auch immer du es benennen magst) in dieser Erfahrungswelt bist.

Wenn ein Licht auf dich fällt, fällt dein Schatten hinter dich!

In vielen Momenten sind wir damit beschäftigt, gegen den Schatten anzukämpfen: Wir möchten den Schatten verändern – integrieren, transformieren, verkleinern, Licht vergrößern, uns verändern.

Wir laufen vor dem Schatten weg. Wir kämpfen gegen den Schatten. Wir stellen uns tot – doch der Schatten ist noch da und das Leben konfrontiert uns erneut.

Je mehr wir TUN, desto mehr klebt er an unserer Ferse wie ein Kaugummi. Es gab Momente, in denen wir glauben, „Jetzt hab‘ ich es verstanden“ und, sinnbildlich das Gefühl hatten, das Licht auf den Schatten fällt, entstand für einen Moment eine Ruhe in uns – wir fühlten vielleicht Glück oder Liebe oder Dankbarkeit oder eine aufkeimende Freude oder Hoffnung auf den Weg, der jetzt vor uns liegt. Doch dieses Erleben ist zumeist nicht von Dauer und oft unvorhergesehen wirft das Leben, eine Person oder Situation erneut einen Schatten und das Spiel des Haderns, Leidens, Erkennens, Integrierens, Kämpfens, Veränderns beginnt von vorn.

Vielleicht fühlst du dich 'trapped' – gefangen in einem Spiel, das du nicht spielen wolltest. Erkenne, dass das Licht dich nicht ärgern möchte. Es möchte dich nicht quälen. Es möchte mit dir in Kommunikation treten!

Im Allgemeinen möchtest du etwas weghaben. Du möchtest etwas nicht wieder erleben. Du möchtest frei werden von all dem, was dich in der Vergangenheit niedergedrückt, geängstigt, belastet, zu Boden gedrückt, dich dominiert hat, nicht gesehen. In diesen Momenten gehen wir dagegen. Wir leisten Widerstand. Wir wollen das nicht fühlen. Wir wollen auch die Gefühle, die damit einhergehen, von Angst, von Wut, von Trauer, nicht spüren.

Was tust du, wenn du etwas nicht spüren möchtest?

Vielleicht stellst du dich tot und wartest, bis der Sturm vorbeizieht, nur – um dann zu bemerken, dass du immer weniger hinausgehst in das Leben und dein Leben immer enger und kleiner wird. Und du dich vielleicht immer trauriger und deprimierter fühlst. 

Vielleicht erlebst du, dass du dich verändern wolltest, dass du Dinge, die du als einschränkend erlebt hast, nun mit besonderer Kraft angehst. Viele Jahre hast du gekämpft, viele Jahre hast du dich weiterentwickelt und viele Jahre hast du dazugelernt. Vielleicht hast du dich darüber auch besser verstehen gelernt. Hast du andere Weg genommen und etwas aus dir gemacht, aus deinem Leben gemacht.

Und doch tauchen auch in deinem Leben immer wieder die gleichen Situationen auf, wie ein Spiegel, wie der Schatten, der hinter dich fällt. Und die Kraft ist vielleicht nicht mehr die gleiche wie vor 20 Jahren. Vielleicht ist sie aber auch stärker geworden, weil du stärker geworden bist. In jedem Fall ist jede weitere Situation in deinem Leben nun zu einer Challenge geworden. Du nimmst sie an, um etwas oder dich zu verändern. Dies kostet dich Kraft, Energie, vielleicht auch Zeit und Geld – und vielleicht bist du jetzt immer öfter müde. Vielleicht läufst du aber auch davon. Vielleicht ist Angst dein Grundantrieb und du bist auf einer ewigen Reise, weg von dem, was dich zu bedrohen scheint. Du sehnst dich nach Ruhe, nach Ankommen, dich geborgen fühlen dürfen, dich gesehen oder verstanden zu fühlen. Doch in vielen Momenten deines Erlebens ist dies nicht spürbar. Es ist vielleicht so, als würdest du scheinbar in der Kälte deines Lebens auf Wärme warten, die sich nur punktuell einstellt.

So haben wir alle ein individuelles Erleben und doch haben all diese Lebenswelten eines gemeinsam: im Laufe der Zeit stellt sich immer mehr das Gefühl eines aussichtslosen Kampfes ein, einhergehend mit Frustration, oder auch Hoffnungslosigkeit.

Dies ist ein entscheidender Moment, ein Moment in dem wir nicht aus der Ich-Struktur – aus unserem Ego aus Gewohnheit handeln, sondern das Muster das es antreibt, sich „tot gelaufen hat“, in dem du erschöpft stehen bleibst. Nicht, weil du dich verstecken, weglaufen oder totstellen möchtest, sondern weil du müde bist, weil dein Verstand müde ist, immer und immer wieder die gleichen Gedanken zu durchdenken, die gleichen Emotionen zu fühlen und die gleichen Handlungen zu vollführen, um deine Situation zu wandeln oder in irgendeiner Form eine Lösung für dein Dilemma zu finden.

Du bleibst stehen und siehst den Schatten. Der Schatten deines Lebens, widergespiegelt durch deine Gedanken, durch Beziehungspartner, Freunde, Familie, Mitarbeiter oder auch Fremde, durch Lebenssituationen, oder vielleicht auch als Ergebnis deiner Handlungen.

Was ist dieser Schatten?

In dieser Welt wird immer das Licht, das auf uns fällt einen Schatten erzeugen. Die Frage ist: Bist du mit deinem Fokus auf den Schatten gerichtet, in dem Glauben, du müsstest mit diesem etwas „TUN“? Oder ist dein Blick auf das Licht. 

Die Gedanken, die in Anbetracht eines Schattens in deinem Kopf sind, die Gefühle und körperlichen Reaktionen, sind Interpretationen deines Verstandes als Reaktion auf die Wahrnehmung deiner Lebenssituation – also ein Abbild der erinnerten Bezüge zu deiner Vergangenheit, mit denen du dich identifizierst. Dies ist nicht die Wahrheit, es ist der Spiegel der Situation in dir.

Dein Fokus auf den Schatten ist das, was deinen Schmerz erhält. Es ist das, woran du deine Hoffnung knüpfst, das deine Suche antreibt und auch das, wogegen du ankämpfst oder was du zu vermeiden suchst.

Doch in diesem Moment, jetzt und hier, bleibst du stehen und siehst den Schatten, der durch dein Leben widergespiegelt wird. Du siehst die Gedanken, Erinnerungen und alles, was dadurch in dir lebendig ist. Da ist Schmerz, Schuld oder Scham, Ärger, Trauer, Wut und alle Empfindungen, die zutiefst unangenehm sind.

Ist es tatsächlich der Schatten, der die Ursache all diesen Leides ist? Oder ist es nicht vielmehr deine Überzeugung, dass all die Gedanken, Interpretationen deiner Erinnerungen und Bezüge, die du daraus erdacht hast, wahr sind?

Wenn du in deinem Leben aktuell Schmerz erlebst, innerlich oder äußerlich, dann ist dies vielleicht der Moment, in dem du fühlst, dass etwas in dir nicht länger gegen den Schatten Widerstand leisten kann: du nicht länger weglaufen, dich oder etwas verändern, um etwas kämpfen oder auf Erlösung warten willst. Dein Blick löst sich vom Schatten und da ist das Licht des Göttlichen, des Bewusstseins, des allumfassenden Bewusstseins, das immer da war und auf dich und dein Leben in dieser Welt scheint.

Leid existiert auf dieser Welt und wir erschaffen Leid durch die Interpretation und Identifikation mit unserem Verstand. Darunter liegt zu jedem Zeitpunkt die Verbundenheit und Wärme des Lichts, das auf dich scheint, durch das du all dies erfährst, durch das du auf den Schatten blickst. Deine Präsenz ruht jedoch nicht in der Erfahrung des Lichts, das sich in der Welt erfährt, sondern in der Identifikation mit dem Verstand und damit richtest du deinen Fokus auf den Schatten deines Erlebens.

Vielleicht findest du jetzt einen Impuls in dir, dem zu folgen, worauf meine Worte weisen. all jenes zu sehen, das in deinem Leben ist, was durch das Licht widergespiegelt wird, deine Gefühle, deine körperlichen Reaktionen, von Anspannung, von Flucht, von einem Fight-in-Flight-Modus in dir, deine Erinnerungen, deine Interpretationen, deine Handlungsimpulse.

Und hebe nun für einen Moment deinen Blick und siehe das Licht, das auf dich strahlt, in diesem Moment auch da ist, die ganze Zeit da war, eine stille Präsenz in deinem Leben, noch nicht einmal einen Atemzug entfernt von dir.

Nimm dieses Licht in dir auf, mit den nächsten Atemzügen und spüre es in dir – vielleicht kommt der Moment, indem du wahrnimmst, dass es keine Verschiedenheit mehr davon gibt, sondern du dich selbst in diesem Moment erkennst. Vielleicht entsteht in diesem Moment ein Gefühl von Frieden in dir, vielleicht ist es Liebe oder Dankbarkeit, vielleicht Freude, vielleicht kommen dir Tränen. Es gibt nichts zu tun, sondern ein tiefes Ja zu der Erfahrung in Leben, in der du dich gegenwärtig befindest.

Du begegnest deinem Schatten, in Form von Gedanken, anderen und Situationen. Ein tiefes Ja-Sagen, ein Akzeptieren dessen, was in deinem Leben gerade da ist, so wie es ist, lässt dich das Licht sehen, das auf dich scheint und in dir ist. Das Licht scheint immer gleich. Es hat sich nicht verändert, seitdem du den ersten Atemzug getan hast bis zum heutigen Tag. Es ist immer da: zwischen dem Einatmen oder Ausatmen, zwischen Tag und Nacht, Zwischen dem Wechsel von Bewusstsein und Unbewussten, zwischen Geburt und Tod.

Du erkennst dich selbst im Licht. Du erkennst die Spielarten deines Geistes in der Widerspiegelung deiner Gedanken über dich, andere, dein Leben, die  Welt oder auch über Gott. Je tiefer du die Verbundenheit mit Gott, einem allumfassenden Bewusstsein oder Liebe spürst, desto klarer erkennst du den Schatten als Reflexion deines Verstandes im Licht der Präsenz deines wahren Selbst.

Wenn wir aufhören zu glauben, dass wir die Gedanken sind, wenn wir aufhören zu glauben, dass die Gefühle wahr sind, die du gegenüber einer Situation oder Person empfindest, aufhörst dagegen anzukämpfen, aufhörst, es weghaben zu wollen, du aufhörst zu suchen, dann passiert etwas Magisches, wie das, was du vielleicht heute hier in dieser Meditation erleben konntest.

Ein Shift, der sich von ganz alleine einstellt, weil dein Fokus nicht länger am Schatten haftet wie ein Magnet, der Blick nicht länger hypnotisiert ist den Gedanken und Empfindungen deines Körpers, sondern du dir des Lichtes gewahr wirst, das in diesem Moment auf dich scheint und du erkennst, dass du das Licht bist.