Die meisten Menschen widersprechen schon bevor sie das Gesagte bewusst verarbeitet haben.

In diesem Moment, in dem du innerlich weißt: „Wenn ich diesen Satz oder dieses Wort jetzt sage, geht meine Partnerin bzw. mein Partner „an die Decke“! Es ist als würde die Welt für einen Moment entschleunigen. Wir sehen uns selbst und die Situation als Beobachter. Im gleichen Moment hören wir uns jedoch schon dieses aktivierende Wort oder diesen Satz aussprechen – mit dem ‚befürchteten‘ Erfolg.

Haben wir uns jetzt bewusst dafür entschieden, dass wir in eine Kontroverse mit unserer Partnerin bzw. unserem Partner gehen wollen oder was treibt uns dazu an?

Warum gehen wir in einem Moment ‚gegen‘ etwas?

Wir sind dagegen, wenn wir uns in einem oder in mehreren Bedürfnissen, Werten, Vorstellungen oder auch Sehnsüchten nicht verstanden fühlen. Dabei achtet unser Gehirn nicht auf das wirklich Gesagte, sondern auf Schlüsselwörter und setzt den Rest im Gehirn zu einer Bedeutung zusammen. Wenn deine Partnerin oder dein Partner im ersten Teil eines Satzes ein Wort benutzt, das in euren gemeinsamen Erfahrungen als unangenehm, verletzend oder nicht deinen Bedürfnissen entsprechend wahrgenommen wurde, aktiviert diese Wahrnehmung eine Erinnerung und wir hören nicht mehr zu. Stattdessen reden wir ‚dagegen‘ und zwar meistens, indem wir den anderen in seinem Sprechen unterbrechen. Die Kommunikation ist im Verlauf zwischen Beziehungspartner:innen daher oftmals dynamisch, d. h. die Gespräche verlaufen nach einem bestimmten Muster. Gleichwohl sind beide Seiten zunächst einmal bemüht, sich dem anderen verständlich zu machen. Im Verlauf der Zeit überwiegt jedoch eine Hilflosigkeit oder auch Frustration, die sich in einer vehementeren Ausdrucksweise und zusätzlich Verhaltensstrategien wie zum Beispiel den Raum verlassen, eine Tür knallen, schweigen oder die Stimme erheben ausdrücken können. All dies dynamisiert die Kommunikation in Richtung Konflikt.

Eigentlich sollte die Grundlage von Beziehungen Verbundenheit sein, die wir in uns als Liebe empfinden! Wie kann es dann sein, dass wir uns im Verlauf der Zeit zunehmend über Kleinigkeiten, aber auch über Grundsätzliches „in die Haare kriegen“? Wir möchten so gerne vom anderen bedingungslos geliebt sein und uns verstanden fühlen.

Nun sind wir leider nicht alle gleich, sondern unsere Verschiedenheit führt dazu, dass es zu bestimmten Zeitpunkten unterschiedliche Bedürfnisse, Vorstellungen, Sehnsüchte und Wünsche aneinander und im Miteinander gibt. Verbundenheit ist somit kein passiver Status Quo, sondern ein Prozess des gegenseitigen verstehen Wollens und ‚Vertragens‘, der dazu führt, dass wir miteinander in Beziehung gehen und wachsen wollen.

Zwei Faktoren für eine wachstumsorientierte Verbundenheit in einer Beziehung:

1. „Ich will dich verstehen“

Verständnis beginnt mit offenen Fragen. Mit sogenannten W-Fragen erkunden wir die Perspektive unseres Gegenübers. Wir denken, dass wir schon wissen, was der andere meint. Wir betrachten die Welt jedoch aus unserer persönlichen Wirklichkeitskonstruktion und diese kann zum Teil sehr verschieden sein von der Sicht unseres Gegenübers. Wir können uns daher nicht sicher sein, was oder wie jemand eine Äußerung meint und vor allem, was derjenige von uns tatsächlich will oder braucht.

Sich über die jeweilige Perspektive auszutauschen und eine Haltung im Gespräch einzunehmen, die daran interessiert ist, die Welt des anderen verstehen zu wollen, ermöglicht ein Gefühl des gegenseitigen Verständnisses. Fragen wie ‚Was bedeutet das für dich?‘, ‚Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?‘, ‚Was ist dir jetzt wichtig?‘, ‚Was kann ich für dich tun?‘ oder auch ‚Was ist dein Fokus in dieser Angelegenheit?‘ laden deine Partnerin oder deinen Partner ein, sich selbst zu fragen, welche Bedürfnisse, Interessen, Sehnsüchte, Erfahrungen, Wünsche oder auch Verletzungen hinter den vorangegangenen Äußerungen stehen. Es ermöglicht, Unbewusstes bewusst zu machen.

2. Wie wollen wir uns vertragen? Die Frage nach der Grundlage unserer Beziehung

in der ersten Phase der Verliebtheit scheint es nur Gleiches zu geben: Wir zeigen uns von unserer besten Seite, sind offen für Dinge, für die wir bisher vielleicht nicht bereit waren und interessieren uns für den anderen auf eine Weise, die ein exklusives Gefühl des sich gemeint und verstanden Fühlens auslöst.

Früher oder später beginnen jedoch auch die Unterschiedlichkeiten sichtbar zu werden. Zunächst einmal überwiegt jedoch die Verliebtheit und man versucht entweder durch bestimmte individuelle Konfliktstrategien den anderen zu überzeugen, sich anzupassen oder Kompromisse zu finden. Selten sind wir uns dabei bewusst, dass wir eigentlich einen Vertrag schließen müssten, der die Grundlage unserer Beziehung bildet: Wie wollen wir zusammen leben und lieben? Wenn dieser „Vertrag“ nicht im Verlauf der Zeit gebildet wird, wirken die Unterschiedlichkeiten immer stärker trennend. Bis zu dem Moment, in dem Paare zu dem Schluss kommen, dass sie sich auseinandergelebt haben, sich nicht länger verbunden fühlen oder einfach zu unterschiedlich sind.

Sich vertragen kommt von „Vertrag“.

In diesem Sinne ist es wichtig, sich fortlaufend Zeit zu nehmen, um sich über die Themen, die in der Beziehung auftauchen, auszutauschen und die jeweiligen Bedürfnisse und Interessen hinter den Themen zu eruieren. Gibt es Ideen wie sich die Interessen beider Seiten im Alltag ausdrücken könnten? Wenn sich eine Seite beispielsweise Familienzuwachs wünscht, die andere Seite jedoch nicht, scheint es nur schwarz oder weiß zu geben. Dies ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Hinter den jeweiligen Positionen sind unsere Ängste, Bedürfnisse, zum Teil auch Traumata verborgen. Vielleicht möchte die Person, die keine weiteren Kinder wünscht, finanzielle Sicherheit, Selbstverwirklichung, Zeit für Zweisamkeit usw. und vielleicht möchte die andere Seite das Gefühl von Familie, Lebendigkeit, Wärme und Entwicklung. Allein sich darüber auszutauschen, was dem anderen jeweils wichtig ist in der jeweiligen Position, führt zu einem tieferen Verständnis. Nicht immer gibt es in einzelnen Themen auch eine gemeinsame Lösung. Dies zeigt an, ob wir einander tatsächlich so annehmen können oder einer Vorstellung von einer Person hinterherlaufen.

Kommunikation in Beziehung ist sicherlich eine Herausforderung. Ich betrachte es lieber als eine Chance, miteinander und aneinander zu wachsen. Die Angst davor, dass der andere einen in der Verschiedenheit ablehnen könnte, wirkt auf Dauer trennend. Liebe ist ein lebendiger Raum, in dem sich beide im jeweiligen Gegenüber spiegeln: Gefällt mir, was ich in diesem Spiegel sehe? Mag ich, wie ich mich selbst in dieser Beziehung verhalte? Lebe ich meine Werte? Und bin ich tatsächlich mit der Person zusammen, mit der ich zusammen sein will, so wie die Person ist und nicht so wie sie ich sie gern hätte?

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Jede Veränderung beginnt mit einer Entscheidung. Es sind jedoch die kontinuierlichen, kleinen Schritte, die den Unterschied machen – für eine bewusste Verbindung mit deinem Potenzial!

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