Wie lebendig fühlst du dich in deinem Leben?

Untersuchungen haben gezeigt, dass Personen mit einer hohen Ausprägung in Bezug auf Zufriedenheit mit ihrem Leben, gleichzeitig davon berichten, dass sie Dankbarkeit empfinden, Fehlertoleranz zeigen, sich als verletzlich offenbaren können und Mitgefühl mit dem eigenen inneren Erleben haben (Neff, 2011).

Perfektionismus und Selbstliebe sind einander gegenüberstehende Elemente. Im heutigen Beitrag erhältst du einen Einblick, warum es wichtig ist, deinen Anspruch an Perfektion als Bewältigungsstrategie zu entlarven und in Richtung deiner Selbstliebe zu verändern.

Bedürfniskonflikt Selbstverwirklichung versus positive Zuwendung

Nach Carl Rogers haben wir auf der einen Seite ein intrinsisches Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und zugleich ein Bedürfnis nach positiver Zuwendung von anderen: Wir streben danach, uns entsprechend unserer Fähigkeiten ausdrücken zu wollen und gleichzeitig uns in unserem So-Sein von anderen bestätigt zu fühlen.

Lass‘ uns in deine Vergangenheit zurückreisen. Stell dir vor, dass du deinen windelbepackten Po mitten im Raum stehend zur Musik bewegst und voller Lebensfreude auf und ab hopst. Doch niemand schaut dir zu, obwohl deine Bezugspersonen in der Nähe stehen. Erinnere dich an Momente, in denen du vielleicht ein Bild gemalt hast und voller Stolz zu einem Elternteil gelaufen bist und als Antwort erhalten hast: „Schön!“ Und im gleichen Moment dein Bild verschwand, entweder in den Tiefen einer Schublade oder sogar im Müll. Gleichzeitig hast du vielleicht gelernt, dass ein bestimmtes Verhalten gut ankommt: Nicht das, was du auf natürliche Weise und voller Freude zeigen wolltest, sondern eines, was von anderen erwünscht und bestärkt wurde. Viele haben dabei erlebt, für Leistung gelobt worden zu sein, Anerkennung bei Mitschülerinnen nur dafür zu erhalten, wenn man etwas „besser“ oder „besonders“ besaß oder tun konnte und eventuell sogar schon sehr früh monetär für ein ganz bestimmtes Verhalten belohnt wurde.

In unserer Vergangenheit stand in jedem dieser Momente unser Bedürfnis nach Selbstverwirklichung in einem Konflikt mit dem Bedürfnis nach positiver Zuwendung. Perfektionismus entsteht dabei als Bewältigungsstrategie, um dem Bedürfnis nach Anerkennung Ausdruck zu verleihen. Der Preis dafür ist, intrinsische Handlungsimpulse, den eigenen Ausdruck zu unterdrücken, zu verleugnen und abzuspalten.

Perfektionismus ist eine Bewältigungsstrategie

Was ist in diesem Konflikt eigentlich passiert? Wenn wir Selbstakzeptanz zugunsten einer äußeren Anerkennung aufgeben, kommen wir zu der Überzeugung, dass wir nicht genügen so wie wir wirklich sind, sondern etwas tun müssen, um anerkannt und geliebt zu sein. Unseren fehlenden Selbstwert drücken wir aus mit Disziplin, Selbstkontrolle, Abschlüssen, Auszeichnungen, Fort- und Weiterbildungen, Medaillen uvm.

Wir kämpfen gegen unsere Schwäche an und das Leben wird zum Selbstbeweis. Gefühle wie Trauer und Angst werden weggedrückt. Sie sind deshalb aber nicht einfach weg, sondern werden durch Situationen und Erinnerungen immer wieder an die Oberfläche gespült.

Unsere Identität, also das, was du über dich selbst glaubst, bestimmt dein Verhalten und damit auch die Ergebnisse, die du tagtäglich in deinem Leben erzielst. Der Gedanke, nicht wert zu sein erzeugt, dass du Gewohnheiten ausgeprägt hast: Beispielsweise Schnelligkeit in deinen Handlungen, Multitasking, „overdeliver“ – also mehr zu tun als eigentlich von dir gefordert ist und Anpassung. Perfektionismus ist eine Bewältigungsstrategie, um Anerkennung, Zuneigung und Beachtung zu finden. Leider geht diese Bewältigungsstrategie zu Lasten unserer körperlichen, emotionalen und mentalen Gesundheit.

Lauf nicht vor deinen Gefühlen weg

Fühlst du gerade in Momenten der Ruhe oder im Alleinsein eine Leere in dir? Bist du emotional öfter niedergeschlagen, traurig und fühlst in bestimmten Lebenssituationen Verlustängste? Dann ist es wichtig, die Bewältigungsstrategie, die du bisher gewählt hast, zu hinterfragen und aufzuhören vor deinen Gefühlen wegzulaufen.

Die Forschungsergebnisse von Brené Brown zeigen, dass Personen einen hohen Anspruch an Perfektion als ‚Schutzschirm‘ benutzen und dahinter die Angst vor Fehlern und Versagen verbergen. Der Blick ist dabei stets auf andere gerichtet: Wir vergleichen uns und denken darüber nach, was wohl andere über uns denken. Diese Einstellung führt nach Brené Brown (2017) zu Selbstzweifeln, Versagensängsten bis hin zu Depressionen.

Es wird immer andere Menschen geben, die intelligenter, erfolgreicher, smarter, reicher etc. sind. Die Frage ist: wann ist der Moment gekommen, indem wir uns selbst genug sind?

Selbstmitgefühl richtet den Blick nach innen: Wir nehmen uns selbst an, so wie wir gerade sind – vorbehaltlos und liebevoll. Mitgefühl mit sich selbst zu entwickeln ist auch der Beginn einer gefühlten Verbundenheit zwischen uns und dem eigenen Leben. Die Leitfrage ist: Was macht dein Leben lebendig?

Was macht dein Leben lebendig?

Wenn du Kinder beim Spielen zusiehst, kannst du bis zu einem bestimmten Alter beobachten, dass sie vollkommen selbstvergessen, freudvoll und aus dem Moment heraus handeln. Diese Lebensfreude, die pure Freude am Ausdruck in einem Moment ist die Lebendigkeit, nach der wir eigentlich suchen! Diese Kinder handeln nicht aus Selbstkontrolle, um für ihre Handlungen eine gezielte Belohnung zu erhalten, sondern sie drücken sich aus: und das ist nicht perfekt, sondern lebendig. Und genau hier liegt meiner Ansicht nach auch der Schlüssel für unser Mensch-Sein. Nicht perfekt werden zu wollen wie KI, sondern lebendig! Unsere Ressourcen in einem Moment aus der puren Freude am Dasein zu leben und diese Freude mit anderen zu teilen.

Je mehr du im Leben um deinen Wert kämpfst, desto unwürdiger fühlst du dich. Wie kannst du dir selbst bedingungslose, positive Aufmerksamkeit schenken? Wie sehr kannst du deinen Gefühlen, die bis jetzt zurückgehalten oder unterdrückt wurden, ins Gesicht blicken und damit der Angst den Schrecken nehmen.

Deine Gefühle der Traurigkeit, des sich nicht geliebt Fühlens, des Unwertseins zuzulassen, lässt deine Masken und Befangenheit fallen und du beginnst dein Leben authentischer zu leben.

Wer bist du ohne deine Leistung?

Findest du dich selbst langweilig oder dein Leben leer ohne deine Leistung? Was macht dich aus? Was macht dein Leben lebendig? Und wie kannst du das in deinem Leben immer ehrlicher ausdrücken, ohne den Applaus anderer zu erwarten.

Perfektionismus ist eine selbstzerstörerische Verhaltensweise, die dich über Jahre hinweg langsam aushöhlt wie ein steter Tropfen einen Stein.

Dr. Edith Eger (2017, S. 304) beschreibt in ihrem Buch „Ich bin hier, und alles ist jetzt“, dass unsere Freiheit darin besteht, „die Wahl zu haben: Mitgefühl, Humor, Optimismus, Intuition, Neugier und Selbstentfaltung zu wählen.“

Der Schlüssel für diese Freiheit liegt im Hier und Jetzt. Was kannst du jetzt tun, um dir selbst Ausdruck zu verleihen? Es fällt uns im Allgemeinen leichter, Mitgefühl mit anderen zu empfinden. Selbstmitgefühl ist jedoch kein Narzissmus, sondern vielmehr die Fähigkeit, sich in sich selbst einfühlen zu können und anzunehmen, was an Empfindungen, Gedanken und körperlichen Reaktionen im jeweiligen Moment präsent ist.

Wenn du jetzt vollkommen genug bist, wie sehen dann deine Entscheidungen und Handlungen aus? Wenn du jetzt vollkommen genug bist, wie fühlst du dich?

Selbstliebe ist genug!

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Jede Veränderung beginnt mit einer Entscheidung. Es sind jedoch die kontinuierlichen, kleinen Schritte, die den Unterschied machen – für eine bewusste Verbindung mit deinem Potenzial!

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Foto: Photos Pro