Das ist ‚gut‘ das ist ’schlecht‘, ‚richtig‘ oder ‚falsch‘

Ein Großteil des Tages ist unser Gehirn damit beschäftigt, eingehende Informationen in Bezug auf ihre Bedeutung für uns einzuordnen. Unser limbisches System vergleicht diese eingehenden Reize mit bestehenden Erfahrungen, Überzeugungen und Wertvorstellungen. Gemäß der transaktionalen Stresstheorie von Lazarus erfolgt die Bewertung einer Situation in zwei Schritten. In einem ersten Schritt wird ein Ereignis in die Kategorien bedrohlich, herausfordernd oder angenehm eingeordnet. In dieser ersten Einordnung wird unterschieden zwischen ‚Annäherung‘‚Flucht‘ oder ‚Kampf‘.

In einem zweiten Bewertungsschritt erfolgt ein Abgleich mit bestehenden Coping Strategien, also persönlichen Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten.

Diese Handlungsstrategien basieren wiederum auf Prägungen und persönliche Erfahrungen. Wenn für eine gegebene Situation eine Handlungsstrategie existiert. Das Ergebnis führt zu einer Neubewertung der Situation: Ein positiv bewertetes Handlungsergebnis bestätigt bestehende Prägungen und Überzeugungen. Fällt das Ergebnis allerdings anders aus als erwartet, stellt dies gegebenenfalls bestehende Überzeugung infrage. Das Gehirn ist bemüht, eine Lösung für dieses Problem zu finden. Dabei greifen wir nicht etwa auf etwas Neues zurück, vielmehr denken wir in den gleichen ausgetretenen Pfaden: ‚business as usual‘!

Bewertungen stellen ein ordnendes Prinzip dar und sind durchaus hilfreich, damit wir uns im Alltag zurechtfinden und nicht jeden Tag aufs Neue Bedeutungen und Bezüge erlernen müssen. Was auf der einen Seite praktisch ist, begrenzt uns auf der anderen Seite.

Wir sprechen gerne von Offenheit als Persönlichkeitsmerkmal, aber aus neurowissenschaftlicher Sicht ist dies abhängig von unseren Gewohnheiten. Wie offen waren deine Eltern oder nahe Bezugspersonen gegenüber neuen Lebensumständen, unbekannten Kulturen, anderen Lebensformen oder auch anderen Wertvorstellungen? Welche Erfahrungen hast du selbst mit Andersartigkeit gemacht?

Gewohnheiten prägen unseren Handlungsradius

Jede Abweichung von dem, was wir als richtig und wertvoll definieren, erzeugt zunächst einmal Unsicherheit. Diese kann als Einladung verstanden werden, bestehende Grenzen des eigenen Denkens und Handelns zu erweitern oder aber auch als Bedrohung.

Inklusion beginnt in deinem Kopf

Das Wort Inklusion ist derzeit in vielfacher Hinsicht in aller Munde, allerdings führt dies in der Praxis oft zu Separation und einer Vertiefung bestehender Vorurteile und Konflikte.

Andere Meinungen oder auch Wertvorstellungen erfordern ein Bewusstsein über die eigenen Überzeugungen und Bewertungen.

Voraussetzungen für Offenheit:

  • sich entscheiden, bestehende Grenzen im eigenen Denken bewusst zu überschreiten
  • aktiv Zuhören
  • verstehen wollen
  • eigene Überzeugung und Einstellungen reflektieren

Weltweite Untersuchungen zeigen, dass sich Menschen unterschiedlicher Kulturen und Kontinente in ihren Bedürfnissen kaum unterscheiden. Wir alle tragen den Wunsch nach Anerkennung, Liebe, Sicherheit, Respekt und vieles mehr als Motiv für unsere Handlungen in uns. Die sichtbaren Handlungen mögen sich unterscheiden, ebenso geprägte Gewohnheiten und Wertvorstellungen.

Gesellschaftliche Entwicklung, aber auch unsere täglichen Begegnungen und gelebten Beziehungen erfordern Mut, alte und überholte mentale Vorstellungen zu hinterfragen und bewusst zu verändern. Es reicht nicht, dass Inklusion eine Vision bleibt, vielmehr beginnt Inklusion in uns selbst und benötigt gelebte Offenheit.