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Seit einigen Jahren sind Comicverfilmungen groß in Mode, in denen ein vermeintlicher Held oder auch eine Gruppe mit Superkräften sich für das Gute einsetzen, ihr Leben riskieren und letztlich über das Böse siegen. Der Erfolg solcher Filme scheint eine Sehnsucht des Menschen widerzuspiegeln, dass am Ende das Lichtvolle gewinnen und der Untergang verhindert wird.

In Realität herrschen überall auf der Welt Unruhen, Kriege und Konflikte. Haben wir nun in dieser Welt einfach nur nicht genügend HeldInnen oder Lichtgestalten, die für Frieden und Ordnung sorgen?

In der Mediation basieren soziale Konflikte auf defizitären Bedürfnissen einer oder mehrerer beteiligter Personen. Jede Seite hat Gründe für ihr Verhalten, basierend auf einer persönlichen Konstruktion der Wirklichkeit, die für ‚wahr‘ erachtet wird. Stehen sich zwei oder vielfältige Interessen gegenüber, bleibt die Frage im Raum, welche Seite die Wahrheit vertritt? Gemäß der veralteten Interpretation der darwinistischen Sicht würde ja nur der ‚Stärkere‘ überleben!

Existiert eine Wahrheit, die einem Menschen erlaubt, sich über andere zu erheben und letztlich auch den Tod einzelner oder ganzer Ethnien zu legitimieren?

Gibt es böse Menschen?

Aus der humanistischen Perspektive betrachtet ist zwischen der Person uns ihrem Verhalten zu unterscheiden: ein Mensch, der sich auf Kosten anderer bereichert, manipuliert, die Grenzen überschreitet, andere schädigt materiell oder auch immateriell, dessen Verhalten kann als ‚böse‘ betrachtet werden. Der Mensch als Mensch bleibt unbewertet.

Was ist die ‚Dunkelheit‘ oder das Gleichnis von der Leberzelle

Dunkelheit könnte definiert werden als eine Idee separierter Elemente.

Licht hingegen, systemisch betrachtet, meint die Interdependenz verschränkter Systeme.

Sich selbst als Teil eines Verbundes verschränkter Systeme zu betrachten, führt zu der Erkenntnis, dass jedes Element ein wichtiger und hinreichend notwendiger Bestandteil des Gesamten ist. Nehmen wir einmal an, dass Sie eine Leberzelle wären und sich Ihrer selbst als solche nicht bewusst sind. Nun mag es sein, dass Sie mit Ihrem Lebensumfeld unzufrieden sind und sich in Bezug auf eine Herz- oder Gehirnzelle benachteiligt sehen. Die Emotionen und Ihre Gedanken beinträchtigen die Art und Weise wie sie Ihren ‚Job‘ als Leberzelle tun, was über kurz oder lang zu einer Störung mit den im Verbund koexistierenden Zellen führt. Wenn nun viele Zellen eines Verbundes oder benachbarter Verbünde aus diesem oder anderen Gründen agieren, entsteht eine Systemstörung, die sich über die Leber hinaus auch auf andere abhängige Systemverbünde überträgt, was letztlich einen Kollaps und sogar den Tod aller Zellen bewirken kann.

Waren Sie schon mal eine Leberzelle?

Wie gut, dass wir mehr sind als eine Leberzelle, oder? Fakt ist, dass wir uns vielfach unserer Selbst und unserer Bedeutung als Teil eines Interdependenzsystems nicht bewusst sind. Wir sind vielmehr mit Ereignissen konfrontiert und interpretieren und bewerten mögliche Ursachen. Bereits Einstein sagte, dass ein Problem nicht auf der gleichen Ebene gelöst werden kann, auf der es entstanden ist: Angst und Aggression nähren in uns und um uns herum Separation und nicht Verbundenheit. Selbst wenn wir glauben, mit unserem Denken und Handeln für das Licht, für die Wahrheit zu ‚kämpfen‘, so wird doch unser Verhalten nicht zu nachhaltigem Frieden aller Beteiligten beitragen, allenfalls kann hiermit ein vorübergehender Waffenstillstand erreicht werden, indem sich eine Partei ‚entmachtet‘ sieht.

Der Weg des Mitgefühls

Der Weg, sich selbst als Teil eines größeren Zusammenhanges zu erkennen besteht darin, Verbundenheit zu sich zu spüren, seine Handlungen aus Mitgefühl erwachsen zu lassen und die Ergebnisse immer in einem größeren gesellschaftlichen Zusammenhang zu sehen.

Sinn bedeutet nicht Eigensinn

Vielmehr besteht Sinn zum einen im Erkennen von sich Selbst als einen wertvollen, notwendigen Bestandteil eines größeren Zusammenhanges und zum anderen aus unseren Handlungen, die auf den Erhalt und das Wohl des Gesamtsystems ausgerichtet sind.

Ich halte es für heldenhaft, in einem ersten Schritt sich selbst, den eigenen Körper, seine Gedanken und Emotionen wahrzunehmen und mit sich selbst Mitgefühl zu entwickeln. Mitgefühl urteilt nicht, vielmehr fühlt es bedingungslos mit-sich selbst. Mit anderen zu fühlen bedeutet im nächsten Schritt, zu verstehen, was die wahren Bedürfnisse bzw. Interessen unseres Gegenübers sind.

Die ‚gute‘ Frage lautet:

Wie kann eine friedvolle Koexistenz diverser, interdependenter Systeme gelingen?

Quelle Bild: Luis Peer