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Offenheit bedeutet, sich in einem Zustand zu befinden, der das Gegenteil von Abwehr ist. Die Idee von Entwicklung beinhaltet, dass wir in der Lage sind, wahrgenommene Inkongruenzen zwischen uns selbst und Erfahrungen korrekt zu symbolisieren und diese in unser Selbst zu integrieren. Carl Rogers (2009) formuliert in seiner Theorie der voll entwickelten Persönlichkeit die Vision einer „fully functioning Person“, welche u.a. folgenden Eigenschaften aufweist (Rogers, 2009, S. 71):

  • diese Person ist offen gegenüber Erfahrungen,
  • alle Symbolisiererungen sind so exakt, wie das Erfahrungsmaterial es erlaubt und
  • die Selbststruktur ist kongruent mit der Erfahrung und so fließend, dass die Person in der Lage ist, sich im Prozess der „Assimilation“ von Erfahrungen zu verändern

Assimilation ist ein Wort, dass in diesem Zusammenhang einen Widerspruch offenbart: im Sinne einer Anpassung kann dies zu einem Verhalten führen, dass nach Watzlawick (2011) „mehr desselben“ hervorbringt. Was ist damit gemeint? Um zu überleben lernt ein Kind, was richtig ist und wie es sich verhalten muss, um sich ‚angenommen‘ zu fühlen. Dies führt zu einem Verhalten, das bestimmte Anteile betont und andere verdrängt, ablehnt und verleugnet, die als negativ, nicht annehmbar oder nicht gewünscht erfahren werden. Damit sind diese nicht gewünschten Anteile von uns jedoch nicht einfach aufgelöst, sondern werden Teil unseres Unterbewusstseins.

In einer leistungsorientierten Gesellschaft, in der Erfolg gleichgesetzt wird mit einem glücklichen Leben, gibt es unzählige Angebote, mit deren Unterstützung sich Menschen selbst optimieren können, um ihr Leben in positiver Weise zu verändern und zu beeinflussen.
Meine Studien und Erfahrungen weisen darauf hin, dass der Mensch weniger auf der Suche nach Erfolg ist, sondern nach der Erfahrung, sich selbst als wirksam zu erleben oder anders ausgedrückt: Sich SELBST in seiner Wirksamkeit zu erleben! Dies erfordert zum einen eine Bewusstwerdung der eigenen Selbstkonstruktion in der Widerspiegelung von Erfahrungen.

Selbstoptimierung bedeutet, gezielt Reiz-Reaktionskopplungen zu trainieren, um gewünschte Ergebnisse zu erreichen. Das erfordert neben einem planvollen Vorgehen auch ein diszipliniertes Verhalten im Sinne des gewünschten Ergebnisses.
Und genau hier liegt der Widerspruch zu der Vision einer voll entwickelten Persönlichkeit gemäß Rogers: Die Person nimmt eine Bewertung ihrer Selbst bzw. ihres Verhaltens vor, in dem sie Anteile als richtig und wünschenswert und andere als hinderlich oder falsch für das gewünschte Erleben identifiziert. Dieses Vorgehen führt leider nicht zu einem nachhaltig erfolgreichen und glücklichen Leben! Dabei haben Sie nichts falsch gemacht und auch die Methoden der Selbstoptimierung sind für sich genommen wirksam: Lediglich die Herangehensweise entspricht einem alten prägenden Muster und führt zu einer Verstärkung einer gefühlten Separation sowohl in uns als auch in der Interaktion mit anderen.

Um dies zu veranschaulichen, stellen Sie sich vor, dass sie als Kind neugierig waren und offen auf andere Menschen und Situationen zugegangen sind. Nehmen wir an, dass dieses Verhalten mit Sorge, Angst oder sogar Strafe durch die Bezugsperson(en) beantwortet wurde. Dieses Kind lernt, dass Sicherheit und ein kontrolliertes Vorgehen richtig sind und wird die eigene Neugier eventuell innerlich unterdrücken und damit vielleicht sogar vergessen, dass diese Qualität zu ihrem Selbst gehört. Wenn diese Person jetzt an einer Entwicklung Ihrer Präsenz und eines Netzwerks im beruflichen Kontext arbeiten möchte und dafür ‚Offenheit auf Menschen zuzugehen‘ trainiert, wird potenziell ein innerer Konflikt aktiviert, da ‚Offenheit‘ in der Erfahrung der Person als ‚gefährlich‘ symbolisiert ist.

Was ist also zu tun, um aus diesem Kreislauf auszusteigen?

‚Offenheit‘ bedeutet aus meiner Sicht die Entwicklung von Verständnis – für uns selbst und anderen: Verständnis beinhaltet das Annehmen dessen, was in uns lebendig ist und dem Bewusstsein, dass hinter jeder emotionalen Reaktion und jedem Verhalten, dass wir an uns selbst ablehnen, eine Ursache existiert. Die ‚korrekte‘ Symbolisierung und Integration von Erfahrungen in unser Selbst bedeutet, sich den eigenen Emotionen und Wahrnehmungen im Verständnis zuzuwenden und gleichsam ein größeres Verständnis für das Verhalten und Erleben anderer Personen zu entwickeln.

Quellen:
Rogers, C. R. (2009). Eine Theorie der Psychotherapie. München: Reinhardt Verlag.
Watzlawick, P.; Beavin, J. H.; Jackson, D. D. (2011). Menschliche Kommunikation. Formen Störungen Paradoxien. 12., unveränderte Auflage. Bern: Verlag Hans Huber.